Von zwei Memmen, die in Südtirol ihr Glück fanden

Es waren einmal zwei Outdoormemmen, Dirk und Christian. Diese gingen schon seit Jahren in die Alpen zum Biken. Gefunden hatten sie schon viel – einen Wachtelkönig, Obstacles und andere wundersame Dinge. Doch diesmal sollten sie etwas besonderes finden, nämlich ein Sommermärchen. Doch nun von Anfang an: Wir schreiben den 19. August 2010.

Es ist 3 Uhr morgens. Der Wecker klingelt unerbittlich. Völlig verwirrt schrecke ich aus süßen Träumen auf. Es ist viel zu früh um zur Arbeit zu gehen – schließlich bin ich ja kein Bäcker. Doch schon wenige Augenblicke fällt es mir wieder ein: Heute fahren Dirk und ich nach Uttenheim in Südtirol zum Biken. Also nichts wie raus und los. Pünktlich um 4 Uhr klingelt es, Dirk ist da. Da die Bikes schon am Vortag verladen wurden geht es gleich los. Die Landschaft fliegt im Morgengrauen nur so an uns vorbei. Im Allgäu regnet es – wie üblich. Doch schon nach dem Fernpass und dem Brenner scheint die Sonne. Es ist 10 Uhr als wir unser Ziel in Gais-Uttenheim bei Bruneck erreichen. Raus aus dem Auto und rein ins Hotel Oberleiter. Rasch sind die Check-In Formalitäten erledigt. Wir sind bereit für unser Sommermärchen:

 

Kapitel 1: Vom Brennen und Glühen

Es ist 10:30 Uhr als wir auf unseren blank geputzten Bikes Richtung Kronplatz radelten. Der Kronplatz war das Highlight des großen Alpen-X unserer Memmenfreunde. Ein Mythos, ein Schicksalsberg, dessen Wege vom Blut, Schweiß und Tränen unseren Freunde getränkt war. Jetzt wollten also auch wir hier hinauf. Zur Ehrenrettung unserer Memmenfreunde muss man jedoch sagen, dass wir bis zum Fuße des Berges noch keine 70 Kilometer und 1000 Höhenmeter in unseren Beinen hatten. Bei idealem Wetter, 24°C und Sonne gingen wir unser Vorhaben an. Doch schon nach den ersten Metern gab es in diesem Jahr eine kleine aber für mich entscheidende Änderung. War ich in den vergangenen Jahren stets vorn um die Führungsarbeit zu leisten, sauste diesmal Dirk plötzlich wie von der Tarantel gestochen los. 10 – 15 Kilo abgespeckt, im Winter mehrmals in der Woche auf der Rolle, das zahlt sich aus. Fortan musste ich mich damit anfreunden Dirks Hintern vor mir zu sehen. Na ja, wenigstens blieb er immer in meiner Nähe und fuhr nicht einfach davon.

Der Aufstieg zum Kronplatz war traumhaft. Nachdem die erste gemeine Steigung von locker 20% genommen war, führte unser Weg auf Schotter permanent bergauf. Die Steigung betrug durchgehend 10% mit einigen kurzen, knackigen Rampen von 15 – 18%. Alles war jedoch ganz gut fahrbar. Jedoch vermissten wir das Piaggio Ape, welches unser Gepäck nach oben bringen sollte. Ich glaube dieser Dienst wurde nach einigen Fehlversuchen in der Vergangenheit eingestellt. Wir brauchten gut 4 Stunden für die Auffahrt zum 2275 m hohen Gipfel. Die ersten 27 Kilometer und 1435 Höhenmeter waren gemeistert. Müde und mit einem großen Respekt vor der Leistung unserer Freunde ließen wir uns auf der Bank vor dem Rifugio CAI nieder. Ein großer Pastateller und zwei Holundersaft-Schorle später waren wir wieder soweit erholt, dass wir die Abfahrt angehen konnten. Ein letztes Mal genossen wir den grandiosen Ausblick über das Ahrtal. Für viel Freude sorgte eine Gruppe von Segway-Fahrern, die mit ihren Gefährten die letzten Meter zur Hütte hochfahren wollten. Von ursprünglich 5 gestarteten Fahrern kam nur einer bis zur Hütte hinauf. Den übrigen ging leider der Saft, sprich Strom, aus. Sie mussten das Teil wenig elegant den Berg hochzerren um an unserer Hütte den Akku aufzuladen. Soweit zur neuen Technik – blöd, wenn sie nicht funktioniert. Unsere Akkus waren wie gesagt voll und wir rollten los. In rasantem Tempo donnerten wir den Schotterweg hinab. Leider nicht folgenlos. Meinem Vorderreifen ging plötzlich die Luft aus. Ein ganz schön komisches Gefühl, wenn das Vorderrad plötzlich kaum noch Traktion hat. Glücklicherweise konnte ich einen Sturz verhindern. Dirk bemerkte auch recht schnell mein Missgeschick und wartete auf mich. Schnell war der Schlauch gewechselt und weiter ging die Fahrt. Brannten uns bei der Auffahrt noch die Oberschenkelmuskel, so begannen bei der Abfahrt die Bremsen fast zu glühen. Nach 45 Minuten erreichten wir Bruneck. Die erste Etappe war geschafft. Noch rasch ein Bier in der Fußgängerzone genommen und schon kurze Zeit später erreichten wir unser Hotel.

52,2 km; 1666 Hm; Ø 11,3 km/h; max. 55,8 km/h; 4h25min; Ø 7%; 16 – 31°C

 

2. Kapitel: Vom Rammeln und Blasen

Nach einem tiefen Schlaf und nach einem leckeren Frühstück, standen wir schon um 9:15 Uhr abfahrbereit vor unserem Hotel. Wellness sieht da anders aus, aber wir wollten ja kein Wellness, wir wollten Spaß. Heute sollte eine Tour aus dem Internet abgefahren werden. Es stand auch ein Kulturbesuch auf dem Programm. Wir wollten die Erdpyramiden besichtigen. Danach sollte es zum Gipfel des Hochnalls gehen. Bei bedecktem Wetter – den am Vortag erworbenen Sonnenbrand schonend – ging es Richtung Bruneck. Von weitem grüßte uns der Kronplatz. Wir ließen ihn aber rechts liegen und bogen ab in Richtung Percha. Von dort führte unser Weg nach Oberwielenbach. Leider hatte die für die Beschilderung zuständige Behörde gänzlich darauf verzichtet die Route biketauglich auszuschildern. Unser Weg endete urplötzlich an Fuße einer Wiese. Auf einem Trampelpfad mussten wir unsere Bikes den brutal steilen Anger hinauf schieben. Scheinbar waren wir die ersten, die diesen Weg beschritten. Denn wie aus dem Nichts tauchte plötzlich ein wolfsähnliches Untier auf und bellte uns lautstark an. Vorsichtig schlichen wir über eine Wiese um einen Misthaufen herum. Immer argwöhnisch von dem Tier beäugt. Glücklicherweise hatte das Viech jedoch keinen Hunger und wir konnten unseren Weg unter den wüsten Beschimpfungen eines einheimischen Almöhis fortsetzen. Uns beschäftigte noch einige Zeit die Frage, wie man sich wohl verhalten soll, wenn man von einem Hund angegriffen wird. Für praktikable und legale Lösungsvorschläge wären wir dankbar. Nach diesem Aufreger machten wir erst mal am Gasthof Schönblick eine Kaffeepause. Weiter ging es zu den Erdpyramiden. Zeigte sich die Sehenswürdigkeit von Weitem eher als bescheidenes Erdhäufchen, so waren wir bei näherer Betrachtung total beeindruckt. Ca. 10 – 20 m hohe Säulen gekrönt von einem dicken Stein ragten vor uns aus der Erde. Entstanden sind diese Gebilde unter dem Einfluss von Regen. Das untere Gestein wurde in Jahrtausenden durch die Witterung abgewaschen. Der Granitfelsen auf der Spitze jedoch wirkte als eine Art Regenschirm, so dass eine schmale Säule übrig blieb. Wirklich sehenswert. Nachdem wir dem Wunder der Natur nachdrücklich gehuldigt hatten machten wir uns weiter auf den Weg. Schon bald erreichten wir die Gönner Alm. Diese lag auf 1943m Höhe, so dass wir die ersten 1000 Höhenmeter schon zur Mittagszeit erklommen hatten. Nach einer Stärkung mit Käse und Schorle ging es weiter zum Gipfel des Hochnalls. Leider wurde der Weg immer ruppiger. Jetzt verstanden wir auch warum in der Tourenbeschreibung stand: „Gönner Alm – Unbedingt Wasser und Proviant fassen! Danach geradeaus bergauf. Beginn Schiebepassage.“ Das mit der Aufnahme von Proviant und Wasser war kein Problem. Der Rest jedoch schon – wir schoben, drückten und zerrten unsere Bikes den steilen Berg hinauf. Leider wurde auch hier fast völlig auf eine Beschilderung verzichtet. „Rammelstein 1,5 h“ stand auf einem der wenigen Wegweiser. Dirk, früher noch mit mehr Pfunden Körpermasse belastet zeigte erste Spuren von Unmut. So ist das halt – parallel zum Ranzen wird auch das Nervenkostüm dünner. Lag der Hochnall laut Karte auf nur 2231m Höhe, so wies uns der Weg zum 2483m hohen Rammelstein. Doch zum Glück sahen wir, nachdem wir den halben Berg umwandert hatten das Gipfelkreuz. Zu unserer Erleichterung waren wir nicht auf dem Gipfel des Rammelsteins, sondern auf dem Gipfel des Hochnalls angekommen. Die Frage woher der Rammelstein seinen Namen bezogen hatte konnten wir leider nicht abschließend klären. In unserer Tourenbeschreibung lasen wir dann weiter: „Trail entlang von Zäunen folgen. Vorsicht verblockt und ernsthaft.“ Sollte dies direkt neben einem Zaun der Trail sein? Scheinbar ja, denn man sah ein schmales Band direkt neben dem Zaun entlang laufen. Die Aufgabe des Zaunes konnten wir nicht so ganz verstehen. Direkt hinter dem Zaun fiel das Gelände jedoch jäh ab. Sollte denn hier, direkt im unbeschilderten Niemandsland irgendjemand an uns Biker gedacht haben? Den Trail einfach 5m weiter vom Abgrund entfernt anzulegen war wohl den Erbauern zu einfach. Wie dem auch sei, wir folgten mutig dem Trail. Leider zeigte sich recht bald, dass sich die Abfahrt zu einer ordentlichen Plackerei ausweitete. Maximal 20 m konnte man fahren, dann zwang uns ein mächtiger Absatz oder ein riesiger Felsblock zum Absteigen. Nach einiger Zeit erreichten wir endlich die Baumgrenze. Unsere Hoffnung war, dass wir im Wald zwischen den Bäumen besser fahren konnten. Doch unsere Hoffnung platzte wie eine Seifenblase. Der Weg wurde noch schlechter. Ein Blick auf die Karte zeigte uns, dass der Trail die recht eng beieinander liegenden Höhenlinien im rechten Winkel schnitt. Auch in der Realität stellte sich dieser Umstand recht frustrierend dar. Schon das Gehen auf diesem Pfad war ein Abenteuer. Das Bike hier hinunter zu schieben war dann definitiv eine Herausforderung. Dirk klagte die ganze Zeit, dass ihm seine Knie vom Laufen schmerzen und dass ihm sein Fersensporn zu schaffen mache. Letztendlich erreichten wir dann einen Forstweg. Spontan beschlossen wir die Tour zu ändern und den Trail zu verlassen. Recht sportlich konnten wir dann unseren Weg ins Tal fortsetzen und kamen schnell wieder im Tal an. Im Licht der nachmittäglichen Sonne kamen wir schließlich in unserem Hotel an und beendeten den Tag mit einem wohlverdienten Weizenbier.

57,3 km; 1806 Hm; Ø 10,5 km/h; max. 57,0 km/h; 5h24min; Ø 9%; 18 – 31°C

  

3. Kapitel: Vom Kniefall vor dem Reinfall

Nachdem wir unsere Fitness in den vorherigen Tagen deutlich unter Beweis gestellt hatten, kam am Abend nachdem wir von unserer Hochnall Tour zurück waren unsere Hotelwirtin und gab uns mit einer Verschwörermiene den Tipp „Riesenferner-Runde“. Sie meinte dass so stramme Burschen wie wir diese Tour locker schaffen sollten. Wir waren sofort begeistert und nachdem Dirk die Karte studiert hatte beschlossen wir diese Tour in Angriff zu nehmen. Das Wetter sollte an diesem Tag bombastisch werden. Der Wetterbericht sprach von 35°C. Aus diesem Grund beschlossen wir zum einen auf die Mitnahme von Regenklamotten zu verzichten und zum anderen etwas früher aufzubrechen. Es standen schließlich zwei Pässe auf dem Programm. Um 8:40 Uhr standen wir also bei aufklarendem Nebel und frischen 13°C am Start. Diesmal führte unser Weg nach Norden in Richtung Sand in Taufers. Mit zügigem Tempo welches eher den frischen Temperaturen denn unserer Kondition geschuldet war rollten wir am Ufer der Ahr entlang. Schon bald erreichten wir Sand in Taufers. Von dort folgten wir der Strasse zum nächsten Ortsteil Rein in Taufers. War der Weg bis Sand in Taufers bretteben, so waren wir doch leicht irritiert als wir ein Verkehrsschild sahen, welches eine Steigung von 17% anzeigte. Keuchend und mit mittlerweile einigen Diamanten behängt, strampelten wir die Rampe hinauf. Leider wurde es im weiteren Verlauf nicht viel besser. Durchschnittlich 10% betrug die Steigung. Und so erklommen wir die 666 Höhenmeter von einem in den nächsten Ortsteil mit Würde. Unterwegs konnten wir die ganze Zeit ein Rauschen und Tosen mal links und dann wieder rechts von uns hören. Eben der Reinfall – parallel zur Strasse fiel das Wasser hinunter ins Tal. Endlich erreichten wir Rein in Taufers. Wir hofften für die Menschen innständig, dass es hier oben auch einen Bäcker gab, so dass die Sonntagsbrötchen auch rechtzeitig zum Frühstück und nicht erst zum Mittagsessen zu holen waren. Doch weiter und höher hinauf führte unser Weg. Auf Schotter ging es weiter ins Knuttental hinein. Bei mittlerweile strahlendem Sonnenschein erreichten wir die Knuttenalm. Doch wir hatten den Pass immer noch nicht erreicht. Nach einem deftigen Mittagsmahl ging die Plackerei weiter. Doch schon bald kam der Pass in Sicht. Wir hatten den höchsten Punkt unserer Tour, das 2288m hohe Kammjoch erreicht. Hier überquerten wir auch die Grenze zu Österreich. Mit einem leichten frösteln machten wir uns auf den Downhill über das Arvental ins Defreggental im Nationalpark Hohe Tauern. Unterwegs fielen uns zwei Biker auf, die ziemlich angestrengt ihre Bikes nach oben schoben. Bei näherer Betrachtung stellte sich heraus, dass die beiden auf E-Bikes unterwegs waren und damit zur Arventalalm wollten. Leider betätigten sie den Powerknopf wohl etwas zu oft. Jetzt war Schicht im Schacht und sowohl ihnen wie auch ihren Bikes ging der Saft aus. So mussten sie also die bleischweren Alpenrolatoren mühsam nach oben schieben. Wir verließen die beiden nach einem kurzen Plausch nicht ohne aufmunternde Worte, nämlich dass sich die Akkus später bei der Abfahrt wohl wieder gut aufladen werden. Weiter ging also unsere Fahrt in rasantem Tempo nach unten. Vorbei an malerischen Almwiesen, verdatterden Kühen und urigen Hütten. Nach einer Stunde kamen wir dann am Parkplatz im Tal bei einer Höhe von 1550m an. Bremsen, Rechtskurve, vorbei an einer Mautstelle und schon wieder ging es aufwärts. Ohne Pause wartete schon der nächste Anstieg auf uns. Wir mussten hinauf auf den Stallersattel. Auf einer Länge von nur 7 Kilometer zog sich der Weg von 1550m auf 2052m hinauf. Die Sonne brannte unbarmherzig auf unsere geschundene und ausgelaugten Körper. Wie in Trance strampelten wir hinauf. Rechts – Links, Druck – Zug. Doch nach nur einer Stunde waren wir oben auf der Passhöhe. Dort staunten wir nicht schlecht. Die Weiterfahrt und damit die Rückkehr nach Südtirol sollte uns zeitlich verwehrt bleiben. Die Abfahrt ins Antholzertal war eine Einbahnstrasse. Nur während der ersten 15 Minuten jeder Stunde war die Einfahrt gestattet. Nach einer kurzen Beratung kamen wir zum Schluss, dass dies bestimmt nur für Autos und Motorräder gilt. Schließlich wollten wir den nachfolgenden Verkehr nicht unnötig behindern. So gesehen waren wir Gutmenschen. Also nichts wie los. Wir stürzten uns in die Abfahrt. Wohl wissend, dass uns von hinten kein Ungemach drohen durfte konnten wir die engen Kurven ganz weit ausfahren. Den heraufkommenden Gegenverkehr würden wir – hoffentlich – rechtzeitig hören oder sehen. So war unser Spaß bei der Abfahrt maximal. Doch es kam wie es kommen musste. Nach ca. 2 Kilometer kamen wir an einen schmalen Tunnel. Mit einer Länge von vielleicht 20 Metern und einer Fahrbahnbreite von höchstens 2 Meter sollte dieses Teilstück rasch passiert sein. Doch just mitten im Tunnel begegneten sich Memme und Motorrad. Ziemlich wackelig, mit vor Schreck bleichen Gesichtern passierten uns die ersten Motorräder. Der Spaßfaktor im Tunnel sank gegen Null und die 20 Meter erschienen uns wie 20 Kilometer. Nach diesem Schreck beschlossen wir, dass es für alle Beteiligten besser wäre, wenn wir eine Pause einlegen würden. So konnten wir bei einem Riegel den Fahrzeugen, die zum Teil in halsbrecherischem Tempo den Berg hinauf rasten entkommen. Nachdem der erste große Pulk durch war setzten wir unsere Fahrt vorsichtig fort. Ohne weiter Probleme erreichten wir schon kurze Zeit später den Antholzer See (1642m). Nach einem Espresso am Ufer besichtigten wir die Biathlon Arena. Danach ging es in rasender Fahrt weiter nach Rasen (1060m). Dass wir zwischenzeitlich sogar einige Autos überholen konnten, war selbstverständlich Ehrensache. Mit so viel Schwung ging es dann an Bruneck vorbei direkt nach Uttenheim. Wir waren zurück. Mit müden Beinen und leeren Trinkflaschen erreichten wir unser Hotel. Gerne ließen wir uns in der untergehenden Sonne von den restlichen Gästen bewundern. Unser Bier schmeckte auf einmal doppelt gut.

93,5 km; 2424 Hm; Ø 14,3 km/h; max. 63,6 km/h; 6h38min; Ø 4%; 11 – 38°C

 

 4. Kapitel: Von sonnigem Schein und gutem Rat

Der letzte Tag brach an. Wir genehmigten uns ein ausgedehntes Spätaufsteher-Frühstück. Heute stand nur eine Genuss-Tour zum Neves-Stausee auf dem Programm. Schließlich mussten wir am Nachmittag noch nach Hause fahren. Um 9 Uhr war das Frühstück beendet, die Koffer gepackt und der Wirtin Lebewohl gesagt. Wir gingen es diesmal recht langsam und bedächtig an. Doch schon nach wenigen Metern überkam mich das Gefühl, dass meine Beine nicht mehr allzu frisch waren. Zum Glück gab auch Dirk zu, dass er nicht mehr ganz so fit war. Wir setzten unseren Weg fort. Wie schon am Vortag radelten wir am Ufer der Ahr in Richtung Sand in Taufers. Diesmal aber bogen wir – nach einem kurzen und ungewollten Abstecher ins Ortszentrum von Sand in Taufers – nach Mühlen ab. Bis hierher war es tatsächlich eine Genuss-Tour. Bis hierher hatten wir tatsächlich schon ganze 20 Höhenmeter auf dem Tacho stehen. Jetzt begann allerdings der Aufstieg durch das Mühlbachtal nach Lappach. Von rund 860m Höhe im Tal ging es auf 1439m hoch. Die Steigung blieb die ganze Zeit bei bei moderaten 4 – 6%. Doch genau das machte uns zu schaffen. Bei grandiosem Sonnenschein kurbelten wir mit unseren müden Beinen endlos den Berg hinauf. Irgendwie ging es nicht richtig nach vorn. Wir machten kaum Höhenmeter und kaum Kilometer. Aber irgendwann erreichten wir dann doch Lappach. Von hier aus konnten wir wenigstens den Gletscher sehen der den Stausee speiste. Entfernungsmäßig waren wir unserem Ziel schon sehr nahe – doch noch deutlich zu tief. Steil ragte vor uns die Mautstrasse zum Stausee auf. Auf nur etwa 2 Kilometer Länge stieg der Weg von Lappach (1439m) zum Stausee (1860m) rund 450 Meter an. Jetzt war Schluss. Ab hier galt für uns Gugus Motto: „Schieben ist keine Schande“. Müde erreichten wir den Stausee, genau zur Mittagszeit. In der Untermaureralm liesen wir uns in der Sonne nieder. Die letzte Auffahrt, die letzte Anstrengung war geschafft. Ab jetzt galt: Seele baumeln lassen, Sonne tanken und das Leben genießen. Und dann kam er, ein älterer Herr mit wettergegerbten Gesicht und einem geilen Trek-Bike. Schöne Tuning-Parts waren daran angeschraubt: Carbonlenker und Carbonsattelstütze, XTR Ausstattung, alles vom Feinsten. Hinter ihm her kam eine ebenfalls etwas reifere Dame. Er, eingehüllt in Unterhemd, zwei Trikots und diverse Windwesten (da hätte sogar Andreas noch was lernen können) sah aus, als würde er schon seit dem Kriegsende in den Alpen herum ziehen. Nachdem er sich aus diversen Trikots und Laibchen gewurstelt hatte und scheinbar endlich trockene Sachen trug, ließ sich das Paar bei uns nieder. Er sei Schweizer und käme gerade aus Sand in Taufers erzählte er. Super, wir auch erwiderten wir. Doch sofort wurden wir von ihm belehrt, dass sein Weg über die gut 2400 Meter hohe Chemnitzer Hütte ging. Doch der Weg wäre recht schlecht zu fahren. Sehr technisch, weil stark ausgesetzt. Ein Blick auf die Karte sagte uns, dass der Weg eigentlich nur für Wanderer begehbar sein musste. Sofort waren Dirk und der Schweizer in eine rege Diskussion über die schönsten Berge, die steilsten Pässe und die besten Bikegegenden der Alpen vertieft. Doch unser neuer schweizer Freund schien alle Strecken zu kennen und konnte mit Details aufwarten die schon fast sagenhaft waren. Als ich mich in das Gespräch einmischte und vom Downhill von der Alp Grün nach Poschiavo schwärmte, verzog er nur das Gesicht. Dies sei ja nur ein Karrenweg. Den könne ja ein Esel, der einen Karren zieht, überwinden. Diese Abfahrt sei er schon vor 30 Jahren auf seinem ungefederten Velo hinuntergefahren. Ein richtiger Singletrail – meinte er – sei maximal Gästehandtuch-breit und wenn er richtig gut ist, mit Felsbrocken verblockt, so dass man auch ein wenig technisch fahren können müsse. Naja, da gingen dann wohl unsere Meinungen auseinander. Es war aber trotzdem recht kurzweilig so einem alten Hasen zuzuhören. Ich wünsche ihm auf jeden Fall ganz viel Gesundheit, damit er noch lange seine Trails und Pässe abfahren kann. Für uns jedoch begann der Rückweg. Schnell umrundeten wir noch den Stausee und schon rasten wir den Weg hinab ins Tal. So zäh und lang der Hinweg war, so schnell und locker war der Rückweg. Mit fast 70 km/h sausten wir den Berg hinab und erreichten ohne weitere Zwischenfälle Uttenheim und unser Hotel. Unsere letzte Tour war beendet. Der Urlaub war vorbei.

55,1 km; 1369 Hm; Ø 14,7 km/h; max. 69,5 km/h; 3h44min; Ø 6%; 17 – 38°C

 

5. Kapitel: Epilog

Was eine Alpentour!!! 250 Kilometer, 7265 Höhenmeter und das in 4 Tagen inklusive An- und Abreise.

Diesmal war alles anders als früher. Ich kam mit persönlichem Höchstgewicht und leider auch nicht voll austrainiert in Südtirol an. Dirk dagegen, 15 Kilo leichter als vor einem Jahr, mit einer Bullenkondition, die er sich im Winter auf der Rolle antrainiert hatte, war diesmal der Antreiber. Diesmal durfte Dirk die Führungsarbeit am Berg übernehmen und er durfte auch neben mir herfahren, während ich mein Bike schob. Trotzdem war es wieder sehr harmonisch. Dirk blieb immer in Ruf- und Sichtweite. Doch mein Ziel für nächstes Jahr heißt abnehmen und mehr trainieren. Dann werde ich wieder vorne sein (hahaha)!!!

Zum Biken gibt es wohl kaum eine schönere Gegend als die Region rund um Bruneck. Wir haben diesmal unsere Kompass-Karte „Taufern – Ahrntal“ komplett in alle Richtungen abgefahren und alle Touren waren super. Ich denke es wären noch etliche Pässe und Trails zu entdecken gewesen. Besonders angetan war ich von unsere Unterkunft in Uttenheim. Gebucht über Aldi-Reisen war unser Hotel Oberleitner perfekt. Gutes Essen und eine Perle von Wirtin. Diese Frau kennt scheinbar alle Wege in Südtirol. Sie gab uns Tourenvorschläge für bestimmt 2 Wochen. Wer also hier absteigt geht nicht fehl. Was außerdem recht gut ist, ist die Lage der Unterkunft. Vom Hotel weg führt der Weg die ersten Kilometer an der Ahr entlang auf flacher Strasse zum Einstieg in die Berge. Endlich konnte man sich ein wenig ein- und warmfahren, bevor es in die steilen Anstiege ging. Da auch das Wetter diesmal perfekt mitspielte kann ich wohl sagen, dass dies die schönste Alpentour aller Zeiten war (aber dies sage ich wahrscheinlich nach jeder Tour). Ich freu mich jedenfalls schon aufs nächste Jahr. Dann wollen mal wieder alle Memmen in die Alpen. Versprochen!

Bis dann
Christian

P.S.: Für alle die auch dahin wollen wo wir waren: Hotel Oberleitner