Wellness, Wizard, Winterträume
Die Outdoormemmen im Montafon

Wie alles begann:

Es ist Winter, die Memmen beratschlagen darüber wohin die alljährliche Skiwoche hinführen soll. Ischgl, beim Ottmar rufen die Einen, Schruns in der Hütte die Anderen. Plötzlich kommt es von Joggel: "Ich war schon auf jeder Piste in dieser Region - aber nur im Winter. Mein Traum wäre es mal die ganzen Pisten im Sommer mit den Bike abzufahren." Spontaner Applaus von den übrigen Skifahrer- und Bike-Memmen brandet auf. So ist es also beschlossen. Die nächste Tour geht ins Montafon und Paznauntal.

Mittwoch, 06.August 2008: 5:36 Uhr:

Müde trinke ich meinen heißen Kaffee. Da höre ich schon das mittlerweile vertraute Geblubbere des Mercedes Sprinters, der im Leerlauf vor unser Haus rollt. Alles schläft und so verlasse ich leise mit Rucksack und Bike bepackt die heimische Wohnung. Ich bin der letzte und so starten wir in die aufgehende Sonne.

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Joggel, Steffen, Oli und Christian – der kleine Rest der einstmals ach so großen Gruppe beginnen ihre (Tor)Tour.

Tag 1: Wandern, Wizard, Wadenkrampf

Wir erreichen Schruns, den Startpunkt unserer Tour nach gut 4 ½ Stunden. Nach einer kurzen Stadtrundfahrt durch Schruns die der Parkplatzsuche diente fanden wir schließlich ein tolles Plätzchen am Schwimmbad. Schnell waren die Räder aus dem Bus geräumt und die Bikeklamotten angezogen.

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Es ist 10:30 Uhr als die Memmen bei sonnigen 25°C die Fahrt in Richtung St. Gallenkirch aufnehmen. Die ersten 200 Höhenmeter ließen sich recht locker an. Ein schöner Radweg führte uns von 690m auf 900m hinauf. An der Talstation der Garfrescha Seilbahn hatte der Spaß dann aber sein schnell sein Ende. Es ging steil nach oben.

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Die Sonne brannte brutal auf uns nieder. Wir erreichten mit unzähligen Diamanten dekoriert schließlich die Brunellahütte auf 1507m. Bei Walter, den die Skifahrer bestens kannten, wurde dann auch ein Erfrischungsgetränk eingenommen und voller Wehmut von launigen Hüttenabenden im Schnee bis zu totalen Gedächtnisverlusten erzählt. Doch die Zeit drängte. Bis jetzt zeigte der Höhenmesser gerade mal 1300 Hm an. Wer an eine rasante Abfahrt dachte wurde jäh enttäuscht. Der Weg führte weiter hinauf. Die Landschaft entschädigte jedoch für die Qualen und Mühen. Bei nunmehr 33°C und strahlendem Sonnenschein erklommen wir Meter um Meter. Voller Glück erzählte Joggel mit keuchendem Atem zu jedem Hang eine kurze Skigeschichte. Dann bäumte sich der Weg schier vor uns auf. Wir mussten absitzen und schieben. Links von uns eine wahrscheinlich fast senkrechte Wand. "Das ist die schwarze Piste, die muss man voll fahren und auf die Anfänger aufpassen. Und wir gehen jetzt den Ziehweg hoch. Den fahren normalerweise die Memmen runter, die sich die schwarze Piste nicht trauen. Hier darf man aber nicht runter bremsen, da man sonst nicht bis zu den Klohäuschen da unten kommt." Wie gerne hätte ich Joggel und Steffen für solche Sprüche büßen lassen. Der blöde Ziehweg hatte eine Steigung von 29%.

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Die Sonne brannte auf uns herab und mir brannten die Waden. Ganz zu schweigen vom Rücken, den Schultern und den Oberschenkeln. Völlig fertig erreichten wir dann doch die Nova Stoba auf einer Höhe von 1960m.

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Es war 14 Uhr, die Sonne schien und es war hier oben noch 32°C warm. Bis hierher hatten wir in 21km 1300 Hm gemacht. Eine reife Leistung. Jetzt kam dann endlich der Downhill. In knapp einer ¾ Stunde vernichteten wir auf einer geilen Schotterabfahrt gute 1000 Hm.

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Voller Glück warf Joggel dabei sein Bike auf den Rasen. Dies sollte dann noch fatale Folgen haben. Das Schaltauge hatte sich verbogen. Schnell war der Schaden durch geschicktes Drücken und Ziehen soweit gerichtet, dass die rasante Abfahrt weiter gehen konnte. Wir erreichten Gaschurn. Von dort aus ging es nach Partenen. Am Golfplatz wurde dann noch einmal die Trinkflaschen und Trinkblasen aufgefüllt und ein Riegel gegessen. Jetzt sollte der finale Anstieg zum Etappenziel kommen. Die Silvretta Hochalpenstrasse mit ihren 1000 Hm und 34 Kurven lag direkt vor uns. Von 1051m begannen wir müde den Aufstieg. Die Hitze und die schweren Beine machten uns allen zu schaffen.

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Zusätzlich verbog sich Joggels Schaltauge durch das kraftvolle Treten immer mehr. Der Schaltkäfig klackerte an den Speichen. Ein Austausch des Schaltauges war wohl unumgänglich. Doch auf Asphalt kamen wir trotzdem recht schnell unserem Ziel näher. Wir absolvierten die 14,1 km lange Strecke mit 935 Hm in respektablen 1 h 50 min. Um 17:20 Uhr erreichten wir unser Ziel das Madlenerhaus direkt an der Staumauer des Silvretta-Stausees.

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In dem neu renovierten Haus gab es dann zuerst die hart erarbeitete Belohnung: Ein leckeres, kaltes Weizenbier. Nach dem Duschen und Abendessen gab es dann ein kleines Wizard Spielchen und der Abend klang bei einigen Weizenbierchen recht gesellig aus.Die Nacht im 4-Bett-Zimmer war natürlich viel zu kurz.

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Schruns (690m) – St. Gallenkirch – Garfrescha Talstation (900m) – Brunellahütte (1507m) – Alpe Nova – Nova Stoba (1960m) – Gaschurn (988m) – Partenen (1051m) – Silvretta Hochalpenstrasse – Madlenerhaus (1986m)

Tour: 2240 m , 975 m , 8%, max. 29%, 20° - 34°C

47,61 km, 5 h 01 min, 9,4 km/h, max. 43,5 km/h

 

Tag 2: Weite, Wizzard, Wellness

Nachdem wir am Abend die Wetterlage gecheckt hatten, sahen wir uns gezwungen die Tour ein wenig umzustellen. Das schöne Wetter sollte nur noch heute halten und in den nächsten Tagen war Regen vorhergesagt. Die ursprüngliche Planung sah vor nach Ischgl zu fahren und von dort zur Paznauner Taya oder Idalpe. Dieses Vorhaben wurde ersatzlos gestrichen. Wir waren von unserer gestrigen Leistung noch müde. Glücklicherweise waren wir alle von Krämpfen in der Nacht verschont geblieben – Magnesium sei Dank. Wir beschlossen heute die Schmuggler-Tour in Angriff zu nehmen.

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Nach einem reichhaltigen Frühstück waren die Rucksäcke schnell gepackt und die reparierten Bikes aus dem Skikeller geholt. Bei sonnigen 22°C starteten wir um 8 Uhr in Richtung Wirl, Galtür, Ischgl. Wir erreichten die Talstation der Silvrettabahn um 9:36 Uhr.

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Die Schmuggler-Tour konnte beginnen. Mit der Gondel fuhren wir zur Idalpe. Von dort weiter ging es mit dem Sessellift weiter zum Äußeren Viderjoch. Sehr irritiert waren wir jedoch bei der Art wie unsere Bikes auf dem Sessellift mitgenommen wurden. Wir mussten dem eifrigen Helferlein unser Bike geben, dann schnell den Rucksack auf den Ecksitz geworfen und in der Mitte Platz genommen. Hurtig wurde der Bügel geschlossen und der mutig mit dem Bike in der Hand im Weg stehende Liftbetreiber hing das Rad mit dem Pedal an den Bügel und drückte Sattelstütze und Steuerrohr in unsere schwitzigen Hände. Dann ging das Schaukeln los und der Sessellift ruckelte in die Höhe. Völlig unentspannt und mit krampfenden Händen wurde das Bike vor uns balanciert. Jeder malte sich aus was wohl passiert, wenn einem das Rad aus den Händen rutscht und in die Tiefe stürzt.

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Gottlob blieben wir von solch einem Missgeschick verschont. Schnell hatten wir eine Höhe von 2737m erreicht.

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Jetzt begann die Fahrt auf der Route der Ischgl Ironbike. Wir nahmen die extrem steile Rampe zur Greitspitze wandern und keuchend auf. Dann surften wir auf einem superschmalen und fast ebenen Weg bis zum Salaaser Kopf.

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Ein echter Traumweg – ca. 1 Meter breit mit einer schmalen Rinne versehen. Rechts und links ging es steil bergab. Wir fuhren direkt auf dem Bergkamm, der die Grenze zwischen Österreich und der Schweiz darstellt. Am Salaaser Kopf begann dann eine steile, aber doch ganz gut fahrbare Abfahrt. Anfangs in engen Kehren, später aber in immer sanfteren Kurven zog sich der Weg hinab zur Alp Trida. Mit viel Flow konnten wir den Weg genießen ehe Oli bemerkte, dass sein Hinterreifen etwas wenig Luft enthielt. Schnell war die kompakte Pumpe aus dem Rucksack gekramt. Doch was war
das? Irgendwie hatte der Kompressor in Westentaschengröße beschlossen seinen Dienst zu quittieren. Schlimmer noch, statt Luft in den schlappen Reifen zu drücken saugte das weibische Ding einfach Luft heraus! Oli’s Gesicht wurde immer länger. Schon sah er sich die restlichen 500 Hm nach Samnaun schieben. Doch plötzlich kam unerwartete Hilfe. Ein Bikerpärchen, das wir überholt hatten näherte sich. Glücklicherweise hatten sie eine korrekt funktionierende Pumpe
dabei.

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Schnell war genug Luft in den Pneu gepumpt und weiter ging es. Der Weg Richtung Unteralp und Samnaun blieb technisch schwer, sehr steil aber super gut fahrbar. Mit glücklichen Augen erreichten wenig später 4 Memmen Samnaun.

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Von dort ging es mit der Twinliner Gondel wieder hinauf zum Alp Trida Sattel. Da es Mittagszeit war beschlossen wir unser verdientes Mahl auf der Alp Trida einzunehmen.

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Bei hochsommerlichen 33°C ließen wir es uns schmecken. Kein Alkohol, aber da der Weg nur noch nach unten führen sollte gab es Herzhaftes. So gestärkt nahmen wir wieder einen Sessellift – diesmal aber wesentlich routinierter – zum Äußeren Viderjoch. Jetzt ging es unglaublich steil und in engen Kehren zur Zollwachhütte hinunter. Wir trafen hier wieder Olis Luftpumpenspender. Er und seine Freundin wollten auch gerade die Abfahrt nach Ischgl antreten. Wir Memmen fuhren selbstverständlich zuerst in die letzte Abfahrt durch das Velillbachtal ein. An manchen Stellen fehlte uns jedoch der Mut, oder war es einfach nur die Vernunft. Zum Fahren kurzer, extrem verblockter und steiler Stücke mussten wir schieben. Plötzlich kam unser Freund angeflogen. Mit ein, zwei Sprüngen war er über die dicksten Brocken gesprungen, hatte gekonnt einen Slide durch eine Kehre gemacht und war vorbei. So kann man also auch hier runter fahren! Mit weit aufgerissenen Augen sahen wir diesem eleganten Freerider nach. Doch auch wir hatten unseren Spaß – nur eben etwas länger. Memmen sind halt doch die besseren Genießer!

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Der Trail über die Velillalpe durch das Velillbachtal gehört zweifellos zu den besten Downhills die wir je gefahren sind. Er toppt sogar noch die Abfahrt von den 3 Zinnen nach Cortina.

Völlig ausgepowert mit quietschenden Bremsscheiben und einer fast glühenden Felge erreichten wir Ischgl. Die Schmuggler waren zu Hause. Oli, unser Tunnel Freund, fand dann noch ein kleines Schmankerl für sich. Er eroberte den Ischgler Dorftunnel und war danach am Ende seiner Tunnelträume.

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Nach einem Eis zur Stärkung fanden wir unser Hotel Alpina. Nicht zu früh, denn kaum hatten wir unsere Bikes abgestellt kam der Regen.

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Wir konnten dort unsere müden Knochen und verspannten Muskeln in der Sauna entspannen. Am Abend gab es ein sehr leckeres Abendessen, serviert von einer überaus freundlichen Bedienung. Mit einigen Weizenbierchen ging dann der Abend bei einem Wizard Spiel gleitend in die Nacht über. Oli wurde beim Bierholen erwischt und mit der gelben Karte verwarnt. Gut gelaunt beendeten wir den Abend plaudernd auf unserem Zimmer.

Madlenerhaus (1986m) – Bieler Höhe (2032m) – Wirl (1622m) – Galtür (1594m) – Ischgl (1376m) – Schmugglertour:

Lift: Ischgl (1376m) – Idalpe (2308m) – Aüßeres Viderjoch (2737m)

  • Fahrt: Aüßeres Viderjoch (2737m) – Greitspitze (2817m) – Salaaser Kopf (2744m) – Alp Trida (2263m) – Unteralp (2061m) – Samnaun (1775m)
  • Lift: Samnaun (1775m) – Alp Trida Sattel (2488m)
  • Fahrt: Alp Trida Sattel (2488m) – Alp Trida (2263m)
  • Lift: Alp Trida (2263m) – Aüßeres Viderjoch (2737m)
  • Fahrt: Aüßeres Viderjoch (2737m) – Zollwachhütte (2590m) – Velillbachtal – Ischgl (1376m)

Tour: 3037 m , davon 471 m gefahren, 3612 m , 8%, max. 30%, 14° - 42°C

58,72 km, 3h 38min, 15,2 km/h, max. 62,5 km/h

 

Tag 3: Wind, Wizzard, Wellness

Der angekündigte Regen hielt die ganze Nacht an. Erst im Morgengrauen hörte er auf.

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Nach einem richtig guten Frühstück mit reichlich Cerealien und Brötchen rollten wir los. Die heutige Tour sollte uns ganz entspannt zur Heilbronner Hütte führen. Diesen Weg kannte Joggel und Steffen noch nicht – aber ich. Und so konnte ich es mir nicht verkneifen die Auffahrten zur Hütte in aller Deutlichkeit zu beschreiben. Auf meiner ersten Alpentour waren Dirk und ich von der entgegengesetzten Richtung diese Strecke schon einmal gefahren. Doch zuerst musste das Startprocedere erledigt werden. Da nach dem Austausch von Joggels Schaltauge die Schaltung laut und vernehmlich und auch ein bisschen bedrohlich ruckelte und knarzte, beschloss er noch rasch eine Wartung in einem Ischgler Bikeshop durchzuführen. Wir warteten darauf, dass der sehr kundige Schrauber die Schaltung richten würde. Nach knapp 30 Minuten stellte sich der gewünschte Erfolg ein. Joggel war glücklich und einen 10er los. Dann ging es los. Doch schon wenige Meter weiter der nächste Stopp. Steffens Federgabel ging die Luft aus. Glücklicherweise war die Sonne für einen kurzen Moment hinter den Wolken hervorgekommen und so bot sich die Wartezeit an ein Sonnenbad zu genießen. Dank der mitgenommenen Dämpferpumpe war auch hier das Problem schnell gelöst. Die Sonne verzog sich nun endgültig hinter ein dichtes Wolkenfeld. Startvorgang Nummer 3 klappte. Schnell gelangten wir aus Ischgl heraus Richtung Galtür. Doch irgendwie kamen wir nicht so recht voran. Orkanartiger Wind blies ins mitten ins Gesicht. Der eisige Wind saugte uns die letzte Kraft und Wärme aus dem Körper. Endlich erreichten wir Wirl.

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Völlig abgekämpft beschlossen wir uns in einem Hotel einen Espresso zur Aufwärmung zu genehmigen. Das Etappenziel war ja schon fast greifbar nahe. Nur rund 1000 Meter über uns. Während des Espressos wurde dann über die Annehmlichkeiten einer Sauna, einer heißen Dusche und eines normalen Bettes im Vergleich zu Matratzenlager, Hüttenschlafsack und Waschbecken mit kaltem Wasser diskutiert. Bei uns setzte sich der Gedanke fest die Nacht nicht auf der Heilbronner Hütte, sondern in einem Luxustempel in St. Anton zu verbringen. Getragen von dieser Hoffnung machten wir uns an die Auffahrt zum Kops-Stausee.

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Auf Asphalt kletterte der Weg von 1622m auf 1855m hinauf. Vom Stausee führte der Weg kurz aber steil hinab und dann steil auf einer Schotterpiste hinauf zur Verbellaalpe auf 1938m.

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Mittlerweile zogen sich die Wolken immer dichter zusammen. Wir fuhren praktisch mitten durch diese hindurch. Die Temperatur ging auf winterliche 12°C zurück. Trotz der Anstrengung begannen wir zu frösteln. Nachdem wir auch die steile Rampe nach der Verbellaalpe, die sich in 4 Kehren schier endlos steil nach oben zieht genommen hatten, öffnete sich vor uns ein Hochtal. Mäßig steil ging es weiter. In der Ferne konnten wir schon unser Ziel die Heilbronner Hütte sehen.

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Kurz vor der Hütte bäumte sich dann der Weg nochmals jäh auf. Leider begann es in diesen Moment zu regnen. Die letzten Meter zur Heilbronner Hütte legten wir im Regen zurück. Auf der Hütte nahmen wir dann unser Mittagsmahl ein. Steffen hatte dabei nur mäßiges Glück. Sein Germknödel hatte die Konsistenz eines Tennisballs. Auch der nachgelieferte Hefeklumpen konnte die Erwartungen nicht erfüllen. Draußen hagelte es mittlerweile. Die Hoffnung auf eine heiße Dusche und einen angenehmen Saunaabend wurden kleiner. Dafür bestellte eine Wandergruppe aus Heilbronn den 3. Schlitten voller Schnaps. Das konnte ja heiter werden. Doch zum Glück lichteten sich die Wolken. Der Regen lies deutlich nach und hörte schließlich ganz auf. Schnell war der Plan fixiert nach St. Anton abzufahren und die abenteuerlichen Übernachtungen den Anderen zu überlassen. Eingepackt in Arm- und Beinlinge, Regenjacke und –hose machten wir uns an die Abfahrt.

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Schon nach wenigen Metern begann es wieder zu regnen. Ein Wolkenbruch bliebt glücklicherweise aus. Da ich die Strecke schon von 2003 her kannte, wusste ich, dass uns auf der Fahrt nach St. Anton noch eine Schiebepassage erwartete. Die restlichen Memmen – alle technisch ganz weit vorne – grinsten nur, als ich vom legendären Peter Bruckmann Weg sprach. Doch schon kurz nach dem Start von der Heilbronner Hütte wurden sie eines besseren belehrt. Der mühsame Abstieg begann. Von einem Fahren konnte keine Rede sein. Missmutig zerrten wir die Bikes zu Tal. Große Pfützen und schlammige Löcher durchnässten unsere Schuhe. Endlich erreichten wir die Brücke und kurz darauf die Schönverwallhütte. Gute 300 Hm hatten wir schon verloren.

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Das meiste davon schiebend. Ab der Hütte lässt sich der Weg durch das Schönverwalltal prima fahren. Eine Schotterpiste mit moderatem Gefälle lädt zum zügigen Fahren ein. Ich kenne nun die Auffahrt durch das Schönverwalltal bei bestem Wetter und Sonnenschein. Dieses Tal ist ein echter Leckerbissen in den Alpen. Einfach traumhaft. Aber die Schönheit erschließt sich am besten bei Sonnenschein und gemächlicher Fahrt. Wir hingegen konnten das nur erahnen. Mit Höllentempo bei teils Regen, teils Sonne rasten wir ins Tal. Am frühen Abend erreichten wir schließlich St. Anton. Schnell fanden wir ein adäquates 4-Sterne-Hotel mit Sauna, Schwimmbad, LCD-Fernseher und Halbpension. Am meisten aber waren wir von der netten Dame an der Rezeption überrascht. Nina, so hieß unser Engel, bot uns spontan an, dass wir unsere nassen Sachen im Heizungskeller trocknen können. Toller Service. Dies verdient unserer Meinung nach eine 1. Auch kümmerte sie sich sofort darum, dass die Sauna angeschaltet wurde. Hier wollen wir alle nochmals herzlichen Dank sagen. Gut gelaunt starteten wir dann unseren ungeplanten und unerwarteten Wellness-Abend.

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Joggel musste sich nur kurz Kritik anhören, dass auf unserer Packliste die Badehose fehlte. Ich denke ein Bier für jeden und die Sache ist vergessen. Nachdem wir uns lange in der wohlig warmen Sauna geräkelt hatten ging es zum Abendessen. Der Chef persönlich verteilte absolut unvegetarische Speisen am Buffet. Ich glaube Andreas wäre hier wohl verhungert. Wie dem auch sei, so gestärkt genossen wir den Abend mit einem Weizenbier und einem Wizard Match. Der Wirt legte sich für seine Gäste – zumeist Engländer – die scheinbar ihren letzten Abend hier verbrachten mächtig ins Zeug. Er organisierte mit seiner Liedersammlung auf dem Computer eine fetzige Ü30-Party. England lag im Freudentaumel, das heißt es wurde extatisch, sehr zu unserem Vergnügen getanzt. Wir schonten derweil unsere Kräfte und nahmen nur an dem Augenschmaus teil. Dies konnten auch die 2 vom Wirt spendierten Schnäpse nicht ändern.

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Todmüde fielen wir dann in unsere Luxusbetten und schliefen, nachdem wir auch einen Teil der Eröffnung der Olympischen Spiele gesehen hatten ein.

Ischgl (1376m) – Galtür (1594m) – Wirl (1622m) – Kops-Stausee (1809m) – Verbellaalpe (1938m) – Neue Heilbronner Hütte (2308m) – Schönverwallhütte (2007m) – Schönverwalltal – St. Anton (1346m)

Tour: 1240 m , 1217 m , 7%, max. 31%, 12° - 25°C

49,43 km, 4h 09min, 11,9 km/h, max. 52,0 km/h

 

Tag 4: Wünsche, Wunder, Wiedersehen

Der letzte Tag begann verheißungsvoll. Der Regen hatte komplett aufgehört und die Sonne spitzelte teilweise durch die Wolken. Da unsere Zimmer direkt nebeneinander lagen und über den Balkon verbunden waren stand plötzlich Steffen in unserer Tür. Sofort verkroch er sich unter Olis Decke und überbrachte uns die freudige Mitteilung, dass die Reiseleitung, also Joggel und er, beschlossen hatten heute Morgen die Auffahrt über den Arlbergpass mit der Gondel zu bewältigen. Wellness pur also. Das klang doch schon vor dem Frühstück recht angenehm. Schnell waren die Schuhe und fast alle Bikehandschuhe aus dem Heizungsraum geholt und die Rucksäcke gepackt. Eine zügige Abreise verhinderte nur Joggels panische Suche nach seinem rechten Bikehandschuh. Wahrscheinlich war dies die späte Rache von Steffen wegen des verlorenen Sockens in Riva. Irgendwann fügte sich auch Joggel in sein Schicksal und startete eben mit einem Leihhandschuh.

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Lag unser Hotel auf einer Höhe von 1346m sog ging die Fahrt zunächst einmal Downtown nach St. Anton zur Talstation der Gondel auf 1284m. Dort wurde uns schlagartig klar, dass man seine Fragen präzise stellen muss. Unsere erste Frage lautete nämlich: "Ist denn die Gondel nach St. Christoph in Betrieb?". Die Antwort lautete unmissverständlich: "Ja". Was uns jetzt aber das Genick brach war die Tatsache, dass die Gondel keine Bikes mitnahm. Mit herunterhängenden Schultern und enttäuschten Gesichtern machten wir kehrt und begannen den Aufstieg zum Arlbergpass. Nach einer viertel Stunde passierten wir unser Hotel. Am Ortsausgang folgte schließlich die letzte Reparatur dieser Tour. Joggel wunderte sich schon seit einiger Zeit, warum seine Vorderbremse so schauerlich quietschte wenn er sie betätigte. Auch schlugen unbestätigten Gerüchten zu Folge Funken aus dem Teil. Fluchs wurden daher die Beläge getauscht. Die alten Beläge, die zum Vorschein kamen zeigten ein optimales Bremsbild. Die Beläge waren völlig verschwunden und es war nur noch die metallische Trägerplatte vorhanden. Da wurde keine Sekund zu früh die Beläge gewechselt. Joggel ist doch unser Sparfuchs. Die Strasse zum Arlbergpass zeigte sich am Vortag noch als verwaist und leer. Jetzt aber fuhr eine lange Auto- Motorrad- Bus- und LKW-Schlange den Berg hinauf. Wir Memmen waren mitten drinnen.

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Vollgepumpt mit Adrenalin kamen wir dann an der Passhöhe an. Jeder konnte eine Geschichte über LKW, die nur knapp 20 cm von einem entfernt mit einem Geschwindigkeitsüberschuss von höchstens 5 km/h überholten. Im Nachhinein sollten wir erfahren, dass just an diesem Tag eine Notfallübung im Arlbergtunnel stattfand und sowohl die Strasse, als auch die Bahntrasse gesperrt waren. Der komplette Verkehr wurde über den Pass umgeleitet. Das war Pech.

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Von der Passhöhe in 1800m Höhe konnten wir jedoch auf der Abfahrt nach Stuben, Langen und Klösterle gut mit den Autos mithalten. Von einem Einheimischen erfuhren wir, dass es ein ganz besonderer Spaß sei nach Klösterle noch rasch auf den Sonnenkopf hinauf zu treten. Sind nur knapp 1000 Höhenmeter. Danach gab es aber eine schöne Abfahrt direkt nach Schruns. Wir wollten uns diesen Spaß verkneifen. Doch gerade als wir an der Abzweigung zum Sonnenkopf vorbei rasten, erkannten Oli und ich eine Gondel. Warum nicht, überlegten wir und fragten einfach nach. Mensch und Maschine durften selbstverständlich mit nach oben wurden wir informiert. So beschlossen wir, dass wir die gesparte Gondel nun doch nehmen würden.

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Rasch war bezahlt und in der ersten Teddygondel Platz genommen. Welch eine Wohltat von 1038m auf 1841m hinauf zu gondeln. Vor lauter Freude genehmigten wir uns am Sonnenkopf erst mal ein Mittagsmahl. Der Germknödel hier erfüllte laut Joggel die Erwartungen. So gestärkt nahmen wir die letzte Etappe unserer Tour unter die Räder. Vom Sonnenkopf ging es über die Obere Wasserstubenalpe durch das Wasserstubental zum Hasabüsli und Fellimännle nach Silbertal.

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Die Abfahrt und das Tal, bei nun sonnigem Wetter waren einfach phänomenal schön. Von Silbertal aus führte unser Weg über die Strasse nach Schruns. Wir hatten es geschafft.

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Glücklich klatschten wir uns ab und bereiteten alles für die Heimreise vor. Umziehen, Bus laden, Bier und Essen einkaufen, all das war schnell erledigt.

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Viel zu schnell verging die Zeit auf dieser Tour.

St. Anton (1346m) – Arlberpass (1800m) – Stuben (1400m) – Langen (1322m) – Klösterle (1038m) – Sonnenkopf (1841m) – Obere Wasserstubenalpe (1731m) – Fellmännle (1104m) – Silbertal (889m) – Schruns (690m)

Tour: 1324 m , davon 526 m gefahren, 2014 m , 7%, max. 18%, 12° - 23°C

42,92 km, 2h 11min, 19,6 km/h, max. 66,5 km/h

Gesamt-Tour: 198,68 km, 7841 m , davon 4477 m gefahren, 7818 m

 

Was bleibt übrig?

Wir Memmen haben uns geoutet. Wir sind echte Wellness-Luder geworden. Statt wie harte Männer jeden Höhenmeter leidvoll zu erstrampeln, nehmen wir jetzt auch mal die Gondel. Statt auf harten Matratzen zu schlafen, betten wir uns vornehmlich in Daunendecken. Statt sich den Schweiß mit kaltem Wasser abzuwaschen, relaxen wir lieber in der Sauna. Statt den Elektrolythaushalt mit diversen Carboloadern aufzuladen, genehmigen wir uns 3 – 4 Weizenbier ein. Statt um 19 Uhr einen erholsamen Schlaf zu finden legen wir uns frühestens um Mitternacht hin.

Und warum das Ganze?

Es macht unheimlich viel Spaß. Diese Tour war so entspannend wie ein Wellness Aufenthalt. Ohne Stress und ohne Streit haben wir diese Tour gemeistert. Hoffentlich gibt es noch viele solcher Touren!

 

Bis dann

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